Wissenswertes zum Chinaengagement (4)

Personalmanagement für China - Kriterien für die Mitarbeiterqualifikation

von Manuel Vermeer, 69251 Gaiberg

Daß die Personalfrage einen der bedeutsamsten und gleichzeitig komplexesten Erfolgsfaktor für ein Chinaengagement darstellt, ist bekannt. Die sog. „alten Hasen“, die es in vielen Unternehmen gibt, und die bereits weltweit tätig waren, sind nicht per se auch für China geeignet. Auch dies spricht sich herum. Besondere Qualifikationen sind vonnöten; aber welche genau und vor allem: wo finde ich solche idealen Mitarbeiter?

Gibt es überhaupt definierbare Eigenschaften, die ein „Expat“ in China haben muß, und wenn er sie denn besitzt, ist er zwingend erfolgreich? Wohl kaum. Es kann also nur darum gehen, gewisse Qualifikationen und menschliche Qualitäten herauszustellen, die angestrebt werden sollten, ein Desiderat sind. Hierbei ist nicht zwangsläufig zu unterscheiden zwischen Führungskräften und Untergebenen; der einzelne Ausländer repräsentiert seine Firma, sein Land und kann in der jeweiligen Position Gutes wie Schlechtes bewirken. In China ist das Geschäftsleben in höherem Maße personenbezogen als in Deutschland. Aussagen, Vereinbarungen, ja Verträge gelten in den Augen vieler Chinesen in Verbindung mit einem bestimmten Menschen. Ein potentieller Nachfolger in einer Position wird sich an Zusagen seines Vorgängers unter Umständen nicht gebunden fühlen. Im Umkehrschluß bedeutet dies auch, daß Zusagen nur schwer wieder rückgängig zu machen sind. Geraten bei Verhandlungen in China die Gespräche in eine Sackgasse, und möchte die chinesische Seite mit einer neuen Strategie aufwarten, so wird gelegentlich der Verhandlungsführer ausgetauscht. Dies signalisiert ganz klar: bisher Gesagtes gilt nicht mehr, der Nachfolger kann unbelastet von früheren Zusagen neue Wege aufzeigen.

Für uns bedeutet dies zunächst, auch im personellen Bereich Kontinuität anzustreben. Es sollten immer dieselben Mitarbeiter zu Verhandlungen entsandt werden, um so eine Beziehung zu den chinesischen counterparts aufzubauen und Vertrauen zu schaffen.
Da nun Vertrauen die Basis jeglicher Zusammenarbeit sein muß, ist es offensichtlich, daß Mitarbeiter, die mehr über China und seine Menschen wissen, besser vorbereitet sind, sich besser auf ungewohnte Situationen einstellen können und sich auch selbst nicht für zu bedeutsam halten, leichter Zugang finden zu den Menschen vor Ort, ergo auch eher ihr Vertrauen erwerben. Es genügt daher nicht, einen fachlich hervorragenden Mitarbeiter nach China zu entsenden, sei es nun für eine Verhandlung oder auch für einen längeren Einsatz vor Ort. Neben die fachliche Qualifikation, die sicher primäres Kriterium sein muß, treten weitere Faktoren wie Wissen über Land und Leute, Alltagsprobleme, Selbstwertgefühl der Chinesen, Abhängigkeiten innerhalb der chinesischen Gesellschaft und vieles mehr. Wo findet man diese Leute, an wen kann man sich wenden?.
Zunächst: wen sollte man möglichst nicht in China einsetzen? Viele Chinesen haben, historisch bedingt, Probleme im Umgang mit Japanern. Andererseits sind die Auslandschinesen überall in Asien geschäftlich sehr erfolgreich, was nicht zu ihrer Beliebtheit beiträgt. Andere asiatische Nationalitäten in China einzusetzen, kann daher leicht zu vorprogrammierten Konflikten führen. Hongkong-Chinesen gelten auf dem Festland manchmal als überheblich, man mißtraut ihnen eher als z. B. Taiwanesen, die ungeachtet aller politischen Äußerungen im Wirtschaftsleben problemlos integriert sind. Auslandschinesen, deren Familien schon seit Generationen nicht mehr in China leben (Singapur, USA etc.), sind oft eine gute Wahl, da sie eine gewisse kulturelle Vertrautheit bewahrt haben, andererseits aber nicht dem engen Beziehungsgeflecht der Festlandschinesen verpflichtet sind.

In Deutschland, wo China in den achtziger Jahren in den Blickwinkel deutscher Unternehmen rückte, standen zunächst nur Sinologen als Chinakenner zur Verfügung. Deren oft praxisferne Ausbildung, die zwar Konfuzius beinhaltete, Joint Venture aber ausschloß, gestaltete den Einsatz oft problematisch. Da sie darüber hinaus meist von keinerlei technischem, wirtschaftswissenschaftlichem oder juristischem Wissen belastet waren, machten viele Unternehmen eher schlechte Erfahrungen mit dieser Spezies. Zwischenzeitlich hat sich die Situation grundlegend geändert. Nicht nur beschäftigt sich die modernen Sinologie sehr konkret auch mit den modernen wirtschaftlichen Aspekten Chinas, sondern es haben sich auch einige, vielleicht als elitär zu bezeichnende Studiengänge etabliert. Sie versuchen, die Lücke zwischen der Sinologie und der reinen Betriebswirtschaft ohne jede Landesspezifika zu schließen.

So bildet die Hochschule Bremen Diplom-Wirtschaftssinologen heran, die sowohl chinaspezifisch (Sprache, Wirtschaft, Kultur etc.) wie auch wirtschaftswissenschaftlich sehr gut auf den Einsatz in der VR China vorbereitet werden. Neben anderen Hochschulen, die nun beginnen, der reinen Sinologie etwas Wirtschaft beizumengen, ist vor allem das Ostasieninstitut der Fachhochschule Ludwigshafen/Rh. zu nennen (nicht nur, weil der Autor dort lehrt, aber auch). Der hier 1988 gegründete Studiengang Marketing Ostasien verbindet in einer in Deutschland einzigartigen Weise ein komplettes Betriebswirtschaftsstudium mit dem Erlernen der chinesischen (alternativ japanischen) Sprache sowie der Vermittlung fundierter Kenntnisse in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur,  Joint Venture, chin. Recht etc. Der vorgeschriebene Chinaaufenhalt, oft in Verbindung mit einem Praktikum in einem deutsch-chinesischen Joint Venture, nimmt den Kulturschock vorweg und läßt (im optimalen Falle) eben diese Offenheit gegenüber bzw. beginnende Vertrautheit mit der chinesischen Welt entstehen, die oben als Desiderat genannt wurde. Die 15 bis 20 Absolventen jährlich arbeiten ab dem 1. Semester 40 bis 60 Stunden die Woche; eine Leistung, die auch den Bundespräsidenten Roman Herzog, der unser Institut im November 1997 besuchte, sehr beeindruckte. Nach den - oft im Firmenauftrag erstellten -  Diplomarbeiten werden die spezifisch für den chinesischen Markt ausgebildeten Betriebswirte von mittelständischen wie großen Unternehmen übernommen. Nach firmeninterner Ausbildung folgt ein Auslandsaufenthalt, der dann problemlos angetreten werden kann.

Da in China dem Senioritätsprinzip eine grössere Bedeutung zukommt als bei uns, hat ein derart ausgebildeter junger Mensch sicher manchmal Anlaufschwierigkeiten bezüglich einer erst zu erarbeitenden Autorität. Graue Schläfen sprechen in China sicher zunächst für mehr Erfahrung, lassen die Führungsrolle leichter fallen. Aber nur graue Schläfen reichen eben auch nicht.

Es gibt sie also, die wirtschaftswissenschaftlich wie auch chinaspezifisch ausgebildeten Hochschulabsolventen (Techniker, die chinesisch sprechen, sind noch rar). Natürlich ist nicht jeder geeignet; persönliche, menschliche Qualitäten sind ausschlaggebend. Zurückhaltung (wenigstens in China), Geduld, Offenheit anderen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen gegenüber, Fähigkeit zur Selbstkritik, psychische Belastbarkeit (auch physische, gedenkt man der obligatorischen Bankette). Klingt nicht chinaspezifisch? Natürlich nicht. Diese Tugenden sollten auch für andere Länder, andere Völker gelten. Aber gerade China ist sehr stolz auf seine Kultur, seine Tradition. Mag der Westen auch technisch überlegen sein, so ist dies wohl doch eher eine Frage der zeitlichen Dimension. Die Arroganz, mit der westliche Geschäftsleute in China auftreten, ist durch nichts zu rechtfertigen.

Als Roman Herzog 1996 in China war, klagte die deutsche Kaufmannschaft ihm ihr Leid von den schlecht vorbereiteten „Expats“, die nach China entsandt werden. Also bereiten Sie Ihre Mitarbeiter vor (wie das geht, wurde in der vorangegangenen Folge dieser Serie, CHEManager 9/97, dargelegt) oder stellen Sie vorbereitete junge Menschen ein. Andere Nationen tun dies längst, und auch wir können es uns nicht leisten, Leute nach China zu entsenden, die dies als Strafexpedition empfinden. Martin Posth, der VW Shanghai aufbaute, soll gesagt haben, daß „Verhandlungen mit Chinesen ein Spiel sind, und wir Leute brauchen, die Lust haben, dieses Spiel zu spielen“. Die schlichte Weisheit, daß man Spass an seinem Job haben muß, um ihn erfolgreich auszuüben, gilt eben auch für China. Und je besser die Vorbereitung, desto besser die Chancen auf Freude und Erfolg. Die Chinesen - und damit Ihr Chinaengagement - werden es Ihnen danken.

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